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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


EDEKA: Einfalt und Vielfalt

Etwas veraltet, aber trotzdem lehrreich und für mich ist es neu ;-) Die Werbeagentur Jung und Matt (Macher der bekannten CDU-Kampagne (2017): “Für ein DeutschLand in dem wir die schon länger hier Lebenden und die neu Hinzugekommenen, gut und gerne leben”):

2017: Ja zum Brexit, Trump will eine Mauer zum Nachbarland Mexiko und in Deutschland hat die AfD gute Chancen in den Bundestag einzuziehen. Es ist die Vielfalt verschiedenster Nationen, die unsere Welt prägt. Trotzdem ist es genau diese Vielfalt, vor der immer mehr Menschen Angst haben.

Also entscheidet EDEKA im Wahljahr 2017 ein Zeichen für mehr Vielfalt zu setzen. Einen Tag lang verbannen sie über 20.800 Produkte aus der ganzen Welt und mit Inhaltsstoffen aus anderen Ländern aus den Regalen. Stattdessen eröffnet der deutscheste Supermarkt ­– mit Produkten nur aus Deutschland. Zwischen leeren Regalreihen sehen Kunden, wie weniger Vielfalt wirklich aussieht.

Quelle: Längerer Clip mit anderem Intro und abschließender Selbstbeweihräucherung von Jung und Matt: https://www.jvm.com/de/work/vielfalt/

Es ist der 31.08.2017, für EDEKA und Jung und Matt ist die Gleichung einfach (Zitate aus dem Clip):

Keine Vielfalt = leere Regale = Verzweiflung: “es ist nix da”.

[Text:] Stellen Sie sich einen Supermarkt vor, in dem es nur deutsche Produkte gibt.

[Schild:] Unsere Auswahl kennt heute Grenzen

[Kundin:] Ist ja nichts da, was wir sonst essen

[Edeka-Mitarbeiter liest das Schild vor:] Viel … weniger … Vielfalt! [Kunde:] Aha.

[Edeka-Mitarbeiter doziert:] Kaffee nicht, kein Tee, keine Schokolade. [Kundin:] Au. Keine Schokolade! [Edeka-Dozent:] Naaain!

[Schild:] Deutschland wäre ärmer ohne Vielfalt.

[Kundin (hat schon was gelernt):] Es gibt ja die Vielfalt die man hier konsumiert, aber es gibt ja auch die Vielfalt unter Menschen.

[Kunde mit blonder Tochter auf dem Arm (Hauptsache seine Tochter muss nicht mit den Spacken auf eine Schule gehen oder will mal so einen heiraten):] Die Welt ist so bunt wie wir verschieden sind – und das ist schön.

[Text:] Dieser Supermarkt ist Geschichte. Unser Zeichen bleibt: Wir lieben Vielfalt.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-fHOIZKSUCc

Allerdings handelt der Clip doch von ausländischen Produkten, also von Produkten die von Ausländern im Ausland hergestellt wurden. Wer hatte damit nochmal ein Problem? Die Brücke zur unterschwelligen Message des Clips ist die Aussage “Es gibt ja auch die Vielfalt unter Menschen”. Bei so epochalen Erkenntnissen bekommt man glatt eine Gänsehaut. Aha: Es gibt Ausländer im Ausland und auch noch unterschiedliche? Noch nie gehört, wieder was dazu gelernt, dank EDEKA. “Die Welt ist so bunt wie wir verschieden sind – und das ist schön”: Die Ausländer im Ausland und die, die schon länger hier leben sind verschieden und bunt.

Äh, wie war die Frage nochmal? Ich bin verwirrt. Was haben “Trump will eine Mauer zum Nachbarland Mexiko” AfD und Brexit mit diesem Thema zu tun? Öh, nix, es geht gerade um Produktdiversität und Ethnodiversität. Produktdiversität kennen wir noch nicht so lange, also erst seit dem EDEKA-Zeitalter und Nina Hagen (“Kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier”), Seidenstraße und so mal ausgenommen. Ethnodiversität kennen wir: Ferngespräch!

Zum Szenario “Untergang der Produktdiversität”: Es gibt nach dem Brexit keinen Cheddar-Käse mehr, die regierende AfD verbietet den Import von Kubanischen Rum und Trump den Tacco.

Über die Vielfalt der Kulturen

Die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt der Vereinten Nationen postuliert, dass kulturelle Vielfalt als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur ist.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturelle_Vielfalt

Zum Szenario biologische Vielfalt der Natur: In der Biologie gibt es den Begriff der invasiven Art und auch bei Ökos auf dem Biohof kennt man diesen Begriff. Invasive Arten bedrohen die Biodiversität, indem sie die heimischen Arten (also die Pflanzen und Tiere, die schon länger hier leben) verdrängen. Auch indigene Völker genießen (komischerweise, siehe unten) einen Artenschutz, so, dass ich dort nicht eine indigene Frau heirate, Mischlinge mit ihr zeuge und auf dem Stammesfriedhof ein Hotel errichte, was aber ebenfalls kein Widerspruch zur postulierten Diversität ist. Bei indigenen Rentnern mit germanischem Stammeshintergrund wird immer wieder moniert, sie wären rückwärtsgewandt und könnten sich nicht an sich verändernde Strukturen anpassen. Gilt das also nicht für alle Menschen? Die Römer haben sich auch mega über die Vandalen gefreut, die Rom geplündert und angesteckt haben.

Es ist eben nicht die “Vielfalt verschiedenster Nationen die unsere Welt prägt”, sondern die überragenden Leistungen einzelner Nationen und deren Menschen. Es sind eben die großen Industrienationen USA, Frankreich, UK, Deutschland, China, Israel, Japan, Südkorea, Russland, die unsere Welt prägen. Für viele Menschen in diesen Ländern ist es tröstlich, dass ihr Erfahrungshorizont eben nicht durch beschnittene oder gesteinigte Frauen, abgehackte Hände, hingerichtete Kinder, an Baukränen aufgehängte Homosexuelle oder gekochtes Hirn des Feindes bereichert wird. Das geht in die Köpfe mancher Kulturrelativlisten einfach nicht rein.

Das ist eine ganze Strohmann-Armee, die im Clip abgebrannt wird. Hier wird permanent zu widerlegen versucht, was nie jemand behauptet hat. Niemand ist gegen Produktdiversität oder Ethnodiversität. Wie auch. Als Lehrer der Sprache der schon länger hier Lebenden würde man jetzt sagen: Thema verfehlt. Sechs. Setzen.

Des Pudels Kern

Aber: Durch die Zusammenstellung Trump, AfD, Brexit ist der doppelte Boden dieser Scheinargumentation schon klar. Es geht in Wirklichkeit um die Folgen der Migration! Aber die Migration im Kontext Trump, ist eine Armutsmigration aus Mexiko und dem restlichen Südamerika in die USA und bei der AfD eine Migration aus überwiegend moslemischen Ländern (aka “Islamisierung”) und dem Balkan überwiegend in die Sozialsysteme Europas. Es geht eben nicht um einwandernde Schweden, Schweizer, Norweger, Isländer, Italiener oder Kanadier. Die Metapher ist klar: Das Land in dem wir gut und gerne leben wird bunt wie die EDEKA-Regale und nur deutsche Produkte ist Kacke. Menschen sind ja genauso wie Produkte und wenn’s nicht mehr läuft, nimmt man’s einfach aus dem Sortiment. Hinkt ein bisschen, aber die Message kommt voll rüber.

Fazit: Ist es Vielfalt, vor der immer mehr Menschen Angst haben? Nein, ich glaube, die Menschen haben Angst vor kulturellen Rückschritten, Verfall der Allgemeinbildung, vor dem Rückfall in tribalistische Gewaltorgien, die heute schon auf unseren Straßen Realität sind. Die Menschen haben Angst, wenn Politiker von “variablen” Obergrenzen von 200.000 Menschen/Jahr sprechen und stellen sich vor, wie das gehen soll und was das alles kostet. Die Menschen haben Angst, wenn die Politik untätig bleibt, den Kopf in den Sand steckt, nicht plant sondern nur noch reagiert wenn Krisen drohen und die Medien den Anschein erwecken, sie versuchen bittere Tatsachen zu beschönigen. Das macht die Angst.

Da hilft auch das permanent-penetrante “Zeichen setzen” von EDEKA nix. Wenn man über die Leichenberge im Bataclan steigt, sieht man, wie kulturelle Vielfalt unter Umständen auch aussehen kann.

Ich wünsche EDEKA noch einen fröhlichen Shitstorm im Zusammenhang mit dem Muttertag. Das passiert nämlich, wenn man sich auf das hohe Ross der Moral setzt.

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Info:
EDEKA: Einfalt und Vielfalt ist Beitrag Nr. 2977
Autor:
Martin Kaminski am 8. Mai 2019 um 19:16
Category:
alt aber immer noch relevant,Besserwisser,Elfenbeinturm,Wirre Werber
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