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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


Im Zerrspiegel: Claas Relotius u.a.

Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen. (Hegel)

Der mit reichlich Preisen ausgestattete Spiegel-Journalist Claas Relotius hat im großen Stil Reportagen gefälscht. Warum wundert mich das nicht?

Blicken wir einmal zurück: Einer der obersten Faktenchecker der ARD, Georg Restle, schreibt zum Thema “werteorientierte Berichterstattung”:

Quelle: https://twitter.com/georgrestle/status/1014133298245853184

Genau dort liegt das Problem. Ich erwarte von einem Journalisten, dass er seine subjektive Sicht aus der Berichterstattung heraushalten kann. Er kann das gern kommentieren, aber die Erzählung so zurecht zu biegen, dass sie dem eigenen Weltbild entspricht, halte ich für absolut unzulässig. Bei einer 0190-Astro-Hotline anrufen und mir dort die Realität erklären zu lassen, ist ungefähr genau so seriös, wie Restles werteorientierter Journalismus. Fatal ist, wenn durch die Institution ARD zu Autoritäten Erkorenen wie Restle solche Absonderlichkeiten verbreiten.

Beste Haltungsnoten für die “Wahrsagerin” (0)

Und über Restles “gesinnungsjournalistisches” Vorbild, den “werteorientierten” Egon Erwin Kisch:

Kisch war voller Enthusiasmus für die politischen und sozialen Veränderungen im kommunistischen Russland, ignorierte aber die Zwangsarbeitslager, die Hungersnot in der Ukraine oder die Verfolgungen der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Erwin_Kisch

Jeder journalistische Artikel sollte sich an der Realität messen lassen

Das schöne an der Demokratie ist ja, dass es unterschiedliche und antagonistische Weltbilder geben darf. Es ist also völlig normal, dass Journalisten einen gewissen Bias in der Berichterstattung haben, natürlich ist niemand völlig neutral. Dieser Bias ist bei den einschlägigen Medien bekannt, jeder weiß z.B. Bild und Welt sind irgendwie rechts und Spiegel und taz sind irgendwie links. Man hat dann trotzdem ein vielfältiges und mehr oder weniger vollständig interpoliertes Bild der Realität. Nur eines darf auf gar keinen Fall passieren: Das bewusste Weglassen oder Verfälschen von Fakten oder Folgerungen, nur weil sie nicht in das von mir zu vermittelnde Weltbild passen.

Relotius ist ein renommierter und vielfach ausgezeichneter BetrügerJournalist. Die gesamte Media-Branche hyperventiliert. Aber Kritik kommt – wie immer bei Gegenwind – angeblich wieder nur von Rechts, wie der Deutsche Journalistenverband NRW dazu schreibt:

Quelle: https://twitter.com/DJV_NRW/status/1075692678036238336

Konsequenz also: Ruhe bewahren und kritisch aufarbeiten! Locker bleiben, das ist das Klügste seit der Erfindung der Zeitungsente. Respekt für den Begriff “Medienhasser”, wieder was gelernt. “Mediophobie” kommt wahrscheinlich noch. Irgendwann. Und ja, es ist schlimm, wenn durch die eigene Mogelei der politische Gegner profitiert.

Relotius ist ein Fälscher, aber seine Fälscherei hatte einen (allseits geehrten) hehren Zweck und das wird bei manchen Kommentatoren völlig ausgeblendet. Was er verbreitet hat, ist schlicht Propaganda. Er missbraucht z.B. die Widerstandskämpferin der Weißen Rose Traute Lafrenz (siehe hier) wie eine Handpuppe aus dem Kasperletheater, um ihrer moralischen Autorität seine politische Agenda über zu synchronisieren. Andere “Stories” sind so offensichtlich eine Gegenkonstruktion zu populistischen Narrativen und damit im Nachgang schlicht: selten dämlich. Hinterher ist man immer schlauer: Es wird einem auch im Nachgang erst bewusst, wie viele von diesen rührenden Relotius-Stories schon durchgetropft sind, wo man sich schon oft gefragt hat, ob das nicht zu doofschön ist, um wahr zu sein. Wie rührend Propaganda manchmal sein kann, zeigt z.B. die Brutkastenlüge, die zum Kuwait-Irak-Krieg geführt hat (dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Brutkastenlüge).

Beispiel und länglicher, langweiliger Exkurs

Ich möchte zeigen, dass dieser Bias der Berichterstattung ein allgemeines Problem ist, dabei ist Fälschung nur ein extremes Beispiel. Im folgenden Beispiel geht es nicht um Fälschung sondern um Fakten und Folgerungen. Die Fakten, kompakt zusammengefasst:

  • zwei Flüchtlinge springen auf eine befahrene Bundesstraße, sie machen eine Sitzblockade um gegen ihre Verlegung zu protestieren
  • zwei Autos müssen eine Vollbremsung machen, um einen Unfall zu vermeiden
  • wegen der Blockade steigt einer der wartenden Autofahrer aus dem Auto aus und geht auf die Blockierer zu
  • die Blockierer laufen weg, um sich mit Kanthölzern zu bewaffnen und mit etwa 25 Unterstützern zurückzukehren
  • daraufhin bewaffnen sich drei Autofahrer (alle Dachdecker) mit Eisenstangen und Nagelschussgeräten, mit denen sie (angeblich) auf die Blockierer zielen oder schießen

Wir schauen uns nun drei verschiedene Berichterstattungen dazu an.

1. Artikel

Überschrift: Protest eskaliert: Dachdecker zielen mit Nagelschussgeräten auf Flüchtlinge, DIE WELT, 04.08.16 Überschrift dann geändert: “Flüchtlinge mit Kanthölzern, Autofahrer mit Nagelschussgeräten”.

Zunächst seien am Mittwochabend zwei noch unbekannte Flüchtlinge gegen 21 Uhr auf die Straße in der Nähe des baden-württembergischen Heidelsheim gelaufen. Zwei Autofahrer mussten eine Vollbremsung machen.

Dann ließen sich die Männer zu einer Sitzblockade nieder, so dass auch der Gegenverkehr nicht mehr durchkam. Sie wollten nach Angaben der Polizei Karlsruhe gegen die Verlegung der Unterkunft von Heidelsheim nach Oberhausen-Rheinbach protestieren.

Mit Kanthölzern und Eisenstangen

Als einer der Männer im Auto, das nicht weiterfahren konnte, ausstieg und auf die beiden Protestierenden zuging, seien diese zum Parkplatz gelaufen und mit Kanthölzern bewaffnet und mit etwa 25 Unterstützern zurückgekehrt, teilte die Polizei mit. Die drei Fahrzeuginsassen, allesamt Handwerker, sollen den Ermittlungen zufolge dann den Kofferraum geöffnet und sich mit Eisenstangen und Nagelschussgeräten ausgestattet haben. Sie hätten mit den gasbetriebenen Schussapparaten in Richtung der Flüchtlingsgruppe gezielt.
[…]
Als die Polizei die Schussapparate prüfte, stellte sich heraus, dass diese gesichert waren. Nägel hätten nur mit dem entsprechendem
Gegendruck einer Unterlage abgeschossen werden können. Weitere Ermittlungen, so auch zu den Blockierern, laufen noch.

Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article157502661/Fluechtlinge-mit-Kanthoelzern-Autofahrer-mit-Nagelschussgeraeten.html

2. Artikel

Zunächst “Dachdecker feuern mit Nagelschussgeräten auf Flüchtlinge” später dann “Krawall auf Bundesstraße Dachdecker zielen mit Nagelschussgeräten auf Flüchtlinge”, BERLINER KURIER – Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz.

Karlsruhe – Unfassbare Szenen auf einer Bundesstraße in Baden-Württemberg: Laut Polizei richteten drei Handwerker Nagelschussgeräte auf eine Gruppe von Flüchtlingen. Dem Vorfall, der sich Mittwochnacht abspielte, ging allerdings laut Polizei Einiges voraus: Demnach protestierten zwei Asylbewerber gegen die Verlegung in eine andere Unterkunft, indem sie sich am Rastplatz der Bundesstraße 35 bei Heidelsheim mitten auf die Straße setzten.

Zwei Autos mussten laut Zeugen eine Vollbremsung durchführen, als die beiden Männer von einem Rastplatz aus unvermittelt auf die
Straße rannten. Dort ließen sie sich laut Polizei zu einer Sitzblockade nieder, blockierten gleichzeitig auch die Durchfahrt des Gegenverkehrs.

Mit 25 Unterstützern und Kanthölzern

Daraufhin seien drei Insassen eines blockierten Autos, allesamt Dachdecker, auf die beiden Protestierer zugegangen. Diese seien
dann zum Rastplatz zurückgegangen und hätten sich dort mit Kanthölzern bewaffnet – und seien mit Verstärkung von rund 25 Unterstützern zurückgekehrt!

Dann, so die Polizei weiter, öffneten die Dachdecker ihren Kofferraum, bewaffneten sich ihrerseits mit Eisenstangen und Nagelschussgeräten.
Mit den gasbetriebenen Schussapparaten hätten sie dann Richtung Flüchtlinge gezielt!

Personen seien aber nicht zu Schaden gekommen, beide Gruppen hätten sich voneinander entfernt. Die Polizei traf 20 Flüchtlinge, vorwiegend aus Syrien, Irak und Eritrea, an der Raststätte an und stoppte die drei Dachdecker, stellte deren Nagelschussgeräte sicher.

Laut Polizei stellte sich später bei der Prüfung der Schussapparate heraus, dass diese so gesichert sind, dass nur beim Gegendruck einer Unterlage Nägel abgeschossen werden können. JSt

Quelle: https://www.berliner-kurier.de/news/politik—wirtschaft/krawall-auf-bundesstrasse-dachdecker-zielen-mit-nagelschussgeraeten-auf-fluechtlinge-24507996

3. Artikel

Dann: Asylbewerber blockieren Straße – Dachdecker schießen mit Nagelpistolen (später geändert: Asylbewerber blockieren Straße — Dachdecker zielen mit Nagelpistolen), RP ONLINE.

Bruchsal. In Baden-Württemberg ist es auf der B35 nahe Heidelsheim fast zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Asylbewerbern und Handwerkern gekommen. Eisenstangen, Kanthölzer und Nagelschussgeräte waren schon im Anschlag.

Wie die Polizei Karlsruhe mitteilte, hatten sich zwei Asylbewerber vom Rastplatz auf den Weg auf die Fahrbahn gemacht. Sie setzten sich auf die Straße vor den herannahenden Verkehr. Zwei Fahrzeuge mussten Vollbremsungen einleiten, um einen Unfall zu vermeiden. Auch der Gegenverkehr kam zum Erliegen. Die Sitzblockade soll wohl Ausdruck des Protests gegen eine Verlegung der Asylbewerber gewesen sein.

In der Folge stiegen drei Männer aus einem der blockierten Fahrzeuge und gingen auf die Asylbewerber zu. Die fühlten sich offensichtlich bedroht und rannten zum Parkplatz zurück, bewaffneten sich mit Kanthölzern und kamen mit Verstärkung von rund 25 Unterstützern zurück.

Laut Polizei reagierten die drei Männer aus dem Fahrzeug und öffneten ihren Kofferraum, um sich ihrerseits mit Eisenstangen und Nagelschussgeräten zu bewaffnen. Mit den gasbetriebenen Schussapparaten sollen sie dann in Richtung der Asylbewerbergruppe geschossen haben. Anschließend sollen sich die Gruppen getrennt haben. Verletzt wurde dem Bericht zufolge niemand.

Fazit: Die große Gefahr ist, dass diese simplifizierten Gegenerzählung der (Ver-)Fälscher, trotz bester Absichten, genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wollen: Man vernichtet damit die eigene moralische Reputation. Also Jurnos: Bleibt bei den Tatsachen, man kann Fakestories nicht mit Fakestories bekämpfen, es geht auch anders.

« Antrag G1 vom Bundeskongress der JUSOS 2018: Vorwärts nimmer, abwärts immer – Woher kommt eigentlich die Gewalt? »

Info:
Im Zerrspiegel: Claas Relotius u.a. ist Beitrag Nr. 2477
Autor:
Martin Kaminski am 23. Dezember 2018 um 16:08
Category:
Abgründe,Lug & Trug,Perlen des Qualitätsjournalismus,Tragische Figuren
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