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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


Wahrheit als Mehrheitsentscheidung

Zur Zeit von Galileo Galilei waren sicher 97% der Menschen davon überzeugt, dass sich die Sonne gemäß der Beschreibung in der Bibel um die Erde dreht: “Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne still, und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte.” Alternative Interpretationen des Himmelsgeschehens waren als Frevel durch die Kirche explizit verboten. Wäre also Wahrheit wirklich eine Mehrheitsentscheidung, würden wir diese Überzeug wahrscheinlich heute noch teilen.

“97 Prozent der Wissenschaftler stimmen überein: Klimawandel ist eine Tatsache, menschengemacht und gefährlich” heißt es bei Barack Obama auf Twitter. Er verlinkt auf diesen Artikel:

Ninety-seven percent of scientists say global warming is mainly man-made but a wide public belief that experts are divided is making it harder to gain support for policies to curb climate change, an international study showed on Thursday.

http://www.reuters.com/article/us-climate-scientists-idUSBRE94F00020130516

Der sog. “menschengemachte Klimawandel” ist zunächst einmal eine unbewiesene wissenschaftliche Hypothese. Insbesondere ist er keine “Tatsache”, wie vielfach behauptet wird. Er ist vielleicht “sehr wahrscheinlich”. Das ist nur die erkenntnistheoretische Sicht, diese erfordert überhaupt keine Expertise in Klimafragen. Vielfach wird von den Kritikern dieser Hypothese gar nicht bestritten, dass ein Klimawandel bzw. eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur (bzw. der Temperatur auf über 15°C hinaus) der Erde existiert. Vielfach sind die Kritiker auch von der grundsätzlichen Aussage überzeugt, sehen jedoch nur die daraus gezogenen Konsequenzen als unnötig oder übertrieben an.

Halten wir mit Popper einmal dagegen:

I hold that Orthodoxy is the death of knowledge, since the growth of knowledge depends entirely on the existence of disagreement.

Quelle: Karl Raimund Popper, The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality.

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen

Es gilt aber uneingeschränkt der Satz: Jede Wetterprognose (und Klima ist das “mittlere” Wetter, bezogen auf >30 Jahre), die über 3 Tage hinaus geht ist unseriös, denn das Wettergeschehen ist einer der komplexesten nichtlinearen dynamischen Prozesse. Viele Phänomene wie z.B. die Wolkenbildung sind überhaupt noch nicht vollständig verstanden. Daher haben sich die Physiker und Klimaforscher, statt von Prognosen zu reden, auf den Begriff “Projektionen für Szenarien” festgelegt. Sie machen bestimmte Grundannahmen (in Szenarien) und lassen dann ihre Simulationsprogramme laufen, um zu sehen was dabei herauskommt (Trendexploration). Die einzige Qualitätsaussage über diese Simulationsprogramme ist, dass sie angeblich Wetterentwicklungen in der Vergangenheit richtig berechnet hätten. Das müssen wir den damit arbeitenden Wissenschaftlern glauben.

Kleines Beispiel:

Prognose vom 01.04.2000 http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/winter-ade-nie-wieder-schnee-a-71456.html

Dazu dann eine Meldung vom 18.02.2013 von Dominik Jung von wetter.net:

DER FÜNFTE ZU KALTE WINTER IN FOLGE – REKORD!

[…] Die Klimaexperten prophezeiten uns noch im Jahr 2000, dass es Winter mit Eis und Schnee in Deutschland nicht mehr geben würde. Dass das falsch ist belegen heute die aktuellen Fakten. […]

Das aktuelle 30-Jahresmittel von 1981 bis 2010 zeigt für den Winter (Dezember, Januar, Februar) eine deutschlandweite Durchschnittstemperatur von plus 0,8 Grad.

Nachfolgend die Durchschnittstemperaturen der letzten 4 Winter- in Klammern die Abweichungen bezogen auf das 30-Jahresmittel von 1981 bis 2010:

2008/2009 minus 0,2 Grad (um 1 Grad kälter als das Mittel)

2009/2010 minus 1,2 Grad (um 2 Grad kälter als das Mittel)

2010/2011 minus 0,5 Grad (um 1,3 Grad kälter als das Mittel)

2011/2012 plus 0,7 Grad (um 0,1 Grad kälter als das Mittel)

Quelle: http://wetterbote.de/wetternews/index.php?id=3214

Oder auch Spiegel 6.07.1981 (war zwar damals eine 10%-Minderheitenmeinung, aber immerhin):

KLIMA Glitzernder Tod

Englands berühmtester Astronomie-Professor, Sir Fred Hoyle, warnt vor einer neuen Eiszeit. Die Menschheit könne aber, meint er, etwas dagegen tun.

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14345557.html

Vielleicht bin ich auch, der seit den 70er-Jahren die diversen Weltuntergangszenarien soz. mit der Muttermilch aufgesogen hat (Waldsterben, Ozonloch, Artensterben, Overkill, Atomtod, Gifttod, Gentechniktod, BSE, Automatisierung, …), bei apokalyptischen Prognosen etwas voreingenommen.

Ein Beispiel:

Der Club of Rome trat zum ersten Mal 1972 öffentlich in Erscheinung mit der von ihm beauftragten Studie Die Grenzen des Wachstums,[…]. Mit dieser Studie wurde erstmals unter Verwendung der System Dynamics-Methodik im Rahmen verschiedener Szenarien eine Prognose [Anm: Projektion] für die zukünftige Weiterentwicklung der Welt erstellt.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Club_of_Rome

Der Autor der Studie, Dennis Meadows dazu:

Selbst wir – die Autoren – gelangen zu unterschiedlichen Ansichten, wenn wir das Für und Wider gegeneinander abwägen. Mit gewohnter Sorglosigkeit werden viele schlecht informierte Menschen, behaupten, […] es gäbe gar keine wichtigen Grenzen. Viele gut informierte Menschen lassen sich anstecken von dem tiefen Zynismus, der mit der rituellen Sorglosigkeit uninformierter Kreise einhergeht, und behaupten, wir stünden bereits vor schweren Problemen, es stünden noch schlimmere bevor, und es gäbe keine Chance, sie zu lösen. Beide Antworten beruhen natürlich auf Denkmodellen. Die Wahrheit ist: Niemand weiß es wirklich.

Quelle: Grenzen des Wachstums, das 30-Jahre-Update. Signal zum Kurswechsel. Hirzel, Stuttgart 2006, S. 292.

Der tiefere, verborgene Sinn solcher Simulationen ist eben immer die Projektion einer Katastrophe, alles andere wäre doch langweilig.

Zurück zum Klima: Ich persönlich bin weder ein Anhänger des einen noch des anderen Modells, da mir der wissenschaftliche Hintergrund, um diese Hypothese seriös zu beurteilen, einfach fehlt. Ich wundere mich nur regelmäßig über die Rhetorik auf beiden Seiten.

Polemik schadet der Sache

Ich beurteile diese Hypothese als das was sie ist: Eine unbewiesene Hypothese die kontrovers diskutiert werden sollte. Das Problem dieser Diskussion ist, dass diese durchmischt ist mit der moralischen Forderung nach Rettung der Welt durch Rettung des Klimas in der Form: “Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Welt wie wir sie kennen, in einer riesigen Klimakatastrophe untergehen”. Auf der Seite der Kritiker findet sich teilweise die verschwörungstheoretische cui-bono-die-da-oben-Fraktion, die auch nicht viel seriöser in der Argumentation ist.

Schauen wir uns die Rhetorik der Vertreter des anthropogenen Klimawandels einmal genauer an (Wikipedia):

Klimaskeptizismus

Klimaskeptizismus (eigentlich Klimawandelskeptizismus) bezeichnet eine zweifelnde oder ablehnende Haltung bezüglich der gegenwärtig zu beobachtenden menschengemachten globalen Erwärmung. Es existiert ein fließender Übergang zur expliziten Leugnung der globalen Erwärmung, wobei Klimaskeptiker für rationale Argumente offen sind und Klimawandelleugner sich Argumenten verschließen. Im Allgemeinen handelt es sich bei Klimaskeptizismus nicht um Skeptizismus im wissenschaftlichen Sinn, sondern vielmehr um die (organisierte) Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung. Aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen geht hervor, dass der Klimaschutz aus politischen und ideologischen Motiven bekämpft wird.

Bei dieser „organisierten Klimaleugnerszene“ handelt es sich um eine finanziell gut ausgestattete, komplexe und koordiniert vorgehende Bewegung, die unter anderem aus konservativen Think Tanks, verschiedenen politischen Frontgruppierungen sowie einer Vielzahl von Laienbloggern, selbsternannten Experten, einigen Wissenschaftlern, PR-Unternehmen, Astroturfing-Gruppierungen, konservativen Medien und Politikern besteht. Gemeinsam ist ihnen vor allem die Ablehnung von staatlicher Regulierung durch Klimaschutzmaßnahmen. Sie spielte eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung von Skepsis bezüglich der menschengemachten globalen Erwärmung in der Öffentlichkeit und unter Politikern. Seit etwa 1990 ging diese Klimaleugnerszene mit immer weiter ansteigenden Vehemenz sowohl gegen die Klimaforschung als auch gegen Klimawissenschaftler vor. Inzwischen greift sie auch direkt wissenschaftliche Kernprinzipien, Institutionen und Kenntnisse an, um wissenschaftliche Beweisführungen für die menschengemachte globale Erwärmung und ihre negativen Folgen zu untergraben.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimaskeptizismus#Contrarians_aus_der_Wissenschaft

Hört, hört: Man kann also die menschengemachte Erwärmung gegenwärtig beobachten. Das klingt jetzt nicht nach unbewiesener Hypothese. Somit sind aus der Sicht des Autors sämtliche Versuche der Falsifikation dieser Theorie, eine Bekämpfung des Klimaschutzes (als Konsequenz aus der Theorie) aus politischen und ideologischen Motiven. Somit ist ein vielleicht legitimer wissenschaftlicher Diskurs ausgeschlossen, da Gegenargumente sofort als politisch und ideologisch motiviert diskreditiert werden. Es kann also keine legitime wissenschaftliche Kritik mehr geben.

Bei solcher Rhetorik kann man nur vermuten, dass es sich bei dieser Theorie um eine äußerst dringliche Angelegenheit handelt. Interessanterweise findet man diese typische Diskreditierung-Rhetorik (Argumentum ad Hominem) in Kombination mit etwas Verschwörungstheorie immer gern dort, wo die eigene wissenschaftliche Argumentation etwas schwächlich ist, bzw. wo die Protagonisten aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage oder willens sind, ihre Argumente in allgemeinverständlicher Form auszudrücken. Ein seriöser Wissenschaftler sollte sich nicht so viel mit der Persönlichkeit der Gegner seiner Theorie befassen, die Auseinandersetzung kann nämlich schnell zu einer fixen Idee werden. Dann sieht man hinter jeder Ecke einen braunen Gesellen lauern. Godwin’s Net-Law (von Mike Godwin), ungefähr aus dem Jahre 1990 (gilt natürlich auch für Offline-Diskussionen):

As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.

Bei so viel Alarm und den daraus abgeleiteten Konsequenzen für die Menschheit muss man sich fragen, wie es eigentlich die Erde und deren Bewohner ohne die Hilfe von Politikern und Klimaexperten in den letzten paar Millionen Jahren geschafft hat, zu überleben. Vielleicht ist aber auch die vermutete Rolle des Menschen in der Natur und unsere spezifische Sicht auf das Erdgeschehen völlig falsch. Wir versteigen uns in dubiosen Rettungsaktionen für diese oder jene ökologische Nische vielleicht nur, weil das einfach ist und weil es unser Gewissen beruhigt. Weil man sich gegenüber den wirklich wichtigen Problemen der Menschheit, wie z.B. das gigantische Bevölkerungswachstum oder sich ausbreitenden kriegerischen Konflikten, machtlos fühlt.

Wer ist schon gern ein wissenschaftlicher Geisterfahrer

Für mich ist angesichts solcher Rhetorik die Schussrichtung klar: Stell dich nicht gegen uns.

Fazit: Eine Hypothese wird auch durch 97% übereinstimmend von der Richtigkeit überzeugte Wissenschaftler nicht bewiesen. Wissenschaft sollte hochwertige Befunde über Tatsachen liefern und keine moralischen Handlungsanweisungen aufgrund von Vermutungen. Die Art und Weise, wie Gegner dieser Hypothese bekämpft, etikettiert und diskreditiert werden, lässt Mutmaßungen über die Qualität der eigenen Befunde zu.

Ich schließe daher nachdenklich mit zwei (m.E. passenden) Zitaten über den Zweifel:

“Der Zweifel an Dingen, deren Erkenntnis für uns wichtig ist, ist für den menschlichen Geist ein quälender Zustand. Er kann das nicht lange aushalten; er entscheidet sich so oder so, wohl oder übel. Lieber will er sich täuschen, als nichts glauben.” Jean-Jacques Rousseau.

“Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.” Bertrand Russell.

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Info:
Wahrheit als Mehrheitsentscheidung ist Beitrag Nr. 1494
Autor:
Martin Kaminski am 13. Dezember 2017 um 13:07
Category:
Künstliche Dummheit,Lug & Trug
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