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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


Sprachregelungen

Veränderung der Sprache kann die grundsätzliche Haltung des Menschen zu bestimmten Dingen des Lebens verändern. Dass aber manchmal der Kopf den neuen Kurs auch mitmachen muss und der eigentlich entscheidende Teil der Haltungsänderung ist, wird oft vergessen.

So werden z.B. im englischsprachigen Raum “behinderte Kinder” als “Children with special needs” bezeichnet, eine Sprachregelung, die nicht die Beeinträchtigung des Kindes in den Vordergrund stellt, sondern die speziellen Bedürfnisse, die sich eben von anderen, normalen Kindern unterscheiden. Nach meiner Meinung eine durchaus sinnvolle Sprachregelung, um negativ besetzten und bewertenden Vokabeln wie “Disability” aus dem Weg zu gehen. Ob diese Sprachregelung die Haltung gegenüber Behinderten wirklich langfristig (d.h. “nachhaltig”) verändert, wage ich zu bezweifeln. Ein Indiz dafür, dass dies nicht wirklich so ist, ist z.B. die intensive Nutzung der pränatalen Diagnostik, um Behinderungen beim Ungeborenen von vorn herein auszuschließen. Was heißt: 9 von 10 Frauen treiben ab, wenn sie vorher wissen, dass ihr Kind behindert sein wird. Das soll hier absolut keine moralische Verurteilung sein, es zeugt nur eben von keiner wirklich positiven Einstellung zu Behinderten (Siehe dazu: [1]).

Geschlechtergerechte Sprache

Ob bestimmte Ansätze der Sprachregelung tatsächlich überhaupt das erreichen, was sie erreichen wollen, ist nach meiner Meinung fraglich. Insbesondere der Ansatz zum allgemeinen sog. Gender-Mainstreaming hat mittlerweile einige amüsante Auswüchse bekommen. So heißt es bei Dr. Frederike Braun im “Leitfaden zur geschlechtergerechten Formulierung” des Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein:

Was ist geschlechtergerechte Sprache?

Geschlechtergerecht formulieren bedeutet, Frauen in der Sprache sichtbar und hörbar zu machen. In allen Texten, in denen Frauen gemeint sind oder sein könnten, sollte dies auch explizit ausgedrückt werden, anstatt Frauen „mitzumeinen“, „hinzuzudenken“ oder in eine Fußnote zu verbannen.
Geschlechtergerechte Formulierung bedeutet, an wichtigen Textstellen (zum Beispiel bei der ersten Nennung einer Personengruppe, in einer wichtigen Zusammenfassung, in Definitionen) ausdrücklich auf die Möglichkeit weiblicher „Bezugspersonen“ hinzuweisen und auf die traditionelle rein maskuline Bezeichnung von Personen zu verzichten. Wenn einzelne Frauen und Männer in einem Text genannt werden, so sind sie symmetrisch, das heißt mit gleich strukturierten oder gleichwertigen Formen, zu bezeichnen. [2]

Soweit so gut und weiter geht es mit einem kleinen Beispiel:

BurgermeisterInnen

Quelle: [2]

Fassen wir also einmal alle vorhandenen Stereotype zusammen, als kleine Bildinterpretation:

Männliche Bürgermeister sind alt, fett, glatzköpfig, haben eine Schnurrbart, einen Anzug an, eine alte Aktentasche unter dem Arm und grinsen süffisant bis verklärt, also der Prototyp des alten und notgeilen Bürokraten. Die nicht zu dünne und jugendliche Frau Bürgermeister hingegen hat eine pompöse Frisur mit flotter Kombination aus Bluse und Rock und modernstem Aktenkoffer mit dezentem Schmuck und wachem Blick. Unsere Vorstellung von “Bürgermeister” ist jetzt sogar unter ästhetischen Gesichtspunkten politisch korrekt, wer stellt sich schon gern einen alten fetten heterosexuellen Mann vor.

Begründet wird das mit Untersuchungen:

Sprachstudien zum Englischen haben immer wieder gezeigt, dass eine Maskulinform in Hörenden oder Lesenden die Vorstellung einer männlichen Person fördert. Dementsprechend halten Frauen solche Texte für weniger relevant und erinnern sich schlechter an sie. Zum Deutschen liegen zwar weniger Untersuchungen vor als zum Englischen, aber die bisher durchgeführten Studien weisen ähnliche Tendenzen nach: Auch deutsche Sprecherinnen und Sprecher beziehen Frauen stärker ein, wenn ein Text geschlechtergerecht formuliert ist. (Quelle: [2])

Das muss also als Begründung für eine geschlechtergerechte Veränderung der Sprache ausreichen: Frauen halten die Texte für weniger relevant und werden schlechter einbezogen. An der Relevanz dieser Prämisse hat scheinbar noch niemand wirklich gezweifelt.

Vielleicht doch nicht ganz zu Ende gedacht?

Das Problem ist nur, dass das generische Maskulinum nach obiger Argumentation nicht nur die Vorstellung einer Frau überdeckt. Könnte die/der Bürgermeister*In nicht  vielleicht auch so

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aussehen? Und wenn nicht, warum nicht? Dürfen Sinti, Muslimas und Menschen mit Trisomie 21 bei uns nicht Bürgermeister*Innen werden? Denken Sie bei “Bürgermeister*Innen” immer nur an weiße gesunde Deutsche?

Man sieht hier schnell: Es ist nicht so ganz einfach, gesellschaftliche Gerechtigkeit in der Sprache zu schaffen. In manchen Denkansätzen wird die binäre Definition von Geschlecht schon völlig aufgebrochen, d.h. niemand sollte nicht mitgedacht werden, dazu sollte man sich die Arbeit von Professx Lann Hornscheidt, im Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (Gender Studies und Sprachanalyse) der Humboldt-Universität Berlin einmal ansehen [3]. Das ist natürlich konsequent, aber können wir überhaupt immer alle explizit erwähnen, die sonst nur „mitgemeint“ oder „hinzu gedacht“ werden? Ist der Begriff “Bürgermeister” in diesem Kontext nicht nur ein identitätsloser Prototyp dieser Gattung, der von jedem mit anderen Inhalten gefüllt wird? Ist es nicht auch in diesem Kontext völlig irrelevant, welches Geschlecht der Prototyp hat? Die Befunde können ja durchaus korrekt sein, aber resultieren daraus auch die korrekten und angemessenen Maßnahmen?

[1] http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/down-syndrom-neun-von-zehn-frauen-treiben-ab-a-1138841.html
[2] https://www.fh-kiel.de/fileadmin/data/gleichstellung/Mehr_Frauen_in_die_Sprache.pdf
[3] http://www.lannhornscheidt.com

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Info:
Sprachregelungen ist Beitrag Nr. 114
Autor:
Martin Kaminski am 25. Juli 2017 um 11:14
Category:
Künstliche Dummheit
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