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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


ELIZA: Ein Beitrag zum Studium natürlichsprachiger Mensch-Maschine-Kommunikation

ELIZA wird zuerst 1966 in einem Artikel der Fachzeitschrift Zeitschrift Communications of the ACM erwähnt. Unter der Rubrik „Computational Linguistics“ stellt der Autor MIT-Professor Joseph Weizenbaum ein Computerprogramm namens Eliza vor, das als Studienobjekt für natürlichsprachige Mensch-Maschine-Kommunikation dienen soll.

Warum der Name Eliza?

Der Name Eliza bezieht sich auf die Figur Eliza Doolittle aus George Bernhard Shaws Komödie Pygmalion. Das aus der Unterschicht stammende Blumenmädchen Eliza Doolittle wird dort vom Sprachwissenschaftler Professor Higgins einem umfangreichen sprachlichen „Umerziehungsprozess“ unterzogen, um gegenüber der besseren Gesellschaft ihre niedrige Herkunft zu verschleiern.
Die Handlung bezieht sich auf einen griechischen Mythos, in dem der Bildhauer Pygmalion eine Statue erschafft und die Götter bittet, diese zum Leben zu erwecken. So soll wohl diese Analogie darauf hin deuten, dass es darum geht, die Maschinennatur von Eliza gegenüber dem Benutzer zu verschleiern.

Computer- und Softwaretechnik 1965

ELIZA ist in großen Teilen in MAD-SLIP verfasst, einer Programmiersprachen-Erweiterung für FORTRAN, zur Verarbeitung von symmetrischen Listen. Das Programm lief auf einem IBM 7094-Großrechner auf einem im Rahmen des MAC-Projekts am MIT entwickelten Timesharing-System mit Namen CTSS. Damals war der direkte Dialog über ein Terminal mit einem Computer noch etwas völlig Neues. Im Programm Eliza spielt diese neue Interaktionsweise eine wichtige Rolle.

IBM Großrechner

Bild: Großrechner IBM 7094 (Quelle IBM.com).

Dabei ist nur ein kleiner Teil der Textverarbeitung- und der Kernfunktionen des Programms in FORTRAN implementiert, der sprachabhängige Teil von ELIZA ist wegen der einfachen Änderbarkeit als Daten in sog. MAD-SLIP verfasst, Weizenbaum bezeichnet diese Daten als Script. Sie legen die sprachlichen Reaktionsweisen des Programms fest.

Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers

Weizenbaum vereinfacht die ja doch im Allgemeinen recht komplexe Kommunikationssituation durch die Einschränkung auf ein therapeutisches Gespräch zwischen einem Psychiater und seinem Patienten. Dabei wird die spezielle Gespächstechnik der Psychiater der Schule Carl R. Rogers verwendet, die im Wesentlichen nur die Aussagen ihres Gegenübers, leicht sprachlich modifiziert, wiederholt. Dieses Paraphrasieren, d.h. Wiederholen der Äußerungen mit eigenen Worten, dient der Überprüfung, ob alles richtig verstanden wurde und gibt dem Gesprächspartner die Möglichkeit, Gedanken und Gefühle noch deutlicher wahrzunehmen und auszudrücken (Prinzip: „aktives Zuhören“).

Interne Funktionsweise

In einem einfachen Eingabe- und Antwortzyklus wird die über ein Terminal eingegeben Textzeile des menschlichen Gegenübers analysiert. Dabei wird die vorliegende Schlüsselwort-/Regelbasis laufend nach geeigneten Schlüsselwörtern durchsucht. Wird ein Schlüsselwort im Eingabestrom gefunden, wird nach einer geeigneten Zerlegungsregel gesucht, die in der Regelbasis Schlüsselwort-spezifisch festgelegt ist. Wird eine Zerlegungsregel gefunden, werden die dieser Zerlegung zugeordnete Zusammensetzungsregeln zyklisch abgearbeitet, damit sich Reaktionen nicht bei gleichen Eingebedaten sofort wiederholen.

Schlüsselwörter können unterschiedlichen Vorrang besitzen. Schon generierte Reaktionen auf ein früheres Schlüsselwort niedriger Priorität werden dann durch Schlüsselwort-Reaktionen mit höherer Priorität ersetzt. Interpunktionszeichen setzen den Interpreter in den Grundzustand zu Beginn der Satzanalyse zurück. Findet das Programm kein Schlüsselwort, oder schlägt die Suche nach einer Zerlegungsregel fehl, generiert das Programm Füllaussagen ohne spezifischen Kontext, wie z.B. „können Sie das weiter erläutern“, oder wechselt zu einen gespeicherten früheren Thema.

[…]

Reaktionen der Öffentlichkeit (oder “What Computers think about thinking Computers”)

Weizenbaum hat mit dem Programm Tests mit Universitätsangehörigen durchgeführt. Eine weiterentwickelte Variante des Programms hatte den suggestiven Namen „Doctor“. Dabei stellte sich schnell heraus, dass es für die Testpersonen nicht wichtig war, dass es sich beim Gesprächspartner um eine Maschine handelte. Viele fühlten sich vom Programm sogar verstanden und vertrauten ihm ihre intimsten Probleme an, was Weizenbaum – er konnte Protokolldateien mit allen Gesprächen einsehen – dazu brachte die Versuche einzustellen. Dieses Erlebnis war für Weizenbaum die Grundlage einer tiefen Skepsis gegenüber dem bedingungslosem Computereinsatz.

Historischer Kontext

Das Programm wurde zur Zeit der Hochphase des Wirschaftswunders der 60er-Jahre vorgestellt. Im diesem Zeitraum liegt aber auch die sog. Softwarekrise. D.h. die Kosten für Softwareentwicklung überstiegen erstmals die Hardwarekosten, einige große Projekte wurden wegen massiver Fehlplanungen und Fehleinschätzungen in den Sand gesetzt. Der Mangel an theoretischen Grundlagen führte zur Forderung nach systematischem Softwareengineering. Dies erschütterte den naiven Glauben an die sehr einfach erscheinenden Techniklösungen.

Biographische Daten zu Joseph Weizenbaum

1923 in Berlin geboren, als Sohn jüdischer Eltern noch vor dem Krieg 1936 in die USA nach Detroit emigriert. 1941 Studium der Mathematik, im Krieg als Meteorologe, nach 1945 Fortsetzung des Studiums und nach Abschluss Arbeit als Assistent an der Wayne University in Detroit, Mitwirkung an der Entwicklung von verschiedenen Computersystemen und Softwareentwicklung für Banken. 1963 zunächst Gastprofesessur am MIT, dann ab 1970 Professor für Computer-Wissenschaften.

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Info:
ELIZA: Ein Beitrag zum Studium natürlichsprachiger Mensch-Maschine-Kommunikation ist Beitrag Nr. 40
Autor:
Martin Kaminski am 19. Juni 2010 um 15:49
Category:
Was ist Intelligenz
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