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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


Die schonungslose Wahrheit über Galileo Galilei

Immer wieder vergreifen sich Werbetreibende an der Wahrheit. Na ja, die Geschichte ist über 10 Jahre alt – zugegeben eigentlich eine olle Kamelle – aber immer wieder ein schönes Beispiel falscher Erinnerung: Ganzseitige Anzeige in der “Westfälischen Rundschau” Nr. 48 vom 26. Februar 2000, Seite 12.

Innovating the new World

Bild: Die Welt seit Platon (Scheibe). Die Welt seit Galilei (Kugel). Die Welt seit heute.

Meine Interpretation: Platon betrachtete die Welt als Scheibe und Galilei als Kugel.

Galileo Galilei und die Scheibe

Zunächst ist zu sagen, dass Galilei sich in seinem Leben nicht viel mit der Kugelform der Erde beschäftigt hat. Er hat sich vielmehr für das heliozentrische Weltbild (die Sonne ist der Mittelpunkt und die Planeten kreisen darum herum) des Kopernikus eingesetzt und ist dafür auch später wegen seines historischen Ausspruchs „Und sie (die Erde) bewegt sich doch!“ von der Inquisition als Ketzer zu unbefristeter Haft verurteilt worden. Er hat das von Aristoteles stammende, von Ptolemäus weiterentwickelte und von der Kirche getragene geozentrische Weltbild (die Erde ist der Mittelpunkt der Welt) angezweifelt. Er ist als jemand bekannt geworden, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über sein eigenes Schicksal gestellt hat. Diese Tatsache macht ihn für viele Werbetreibende anscheinend zum Symbol für den unbeugsamen Innovationsgeist.

Platon und die Liebe zur Scheibe

Was nun Platon betrifft, hat dieser sich in seinem Leben als Philosoph auch nicht viel mit der Form der Erde auseinandergesetzt. Platon war nur am Rande Naturwissenschaftler oder besser Naturphilosoph. Bekannt sind z.B. die Platonischen Körper (Wikipedia: “Nur gelegentlich äußert sich Platon unter pythagoreischem Einfluss konkret zu naturwissenschaftlichen Fragen”). Sein Schüler Aristoteles hat zwar das geozentrische Weltbild entwickelt, ist dabei aber auch schon von einer Kugelform der Erde ausgegangen. Die „Scheibentheorie“ der Erde war wohl eine verbreitete Idee, lässt sich aber auf keinen konkreten Urheber zurückführen.

Alle lieben Galilei

Komischerweise ist diese falsche Erinnerung recht weit verbreitet: Die Rasierwasserwerbung benutzt Galileo Galilei als Prototyp eines altertümlichen Rebellen, um den Mut und die Entschlossenheit des rasierenden Protagonisten in seiner Duftauswahl dem umworbenen, Rasierwasser geneigten Kunden transparent zu machen, indem dieser laut “Nein!” in die Kamera schreit. Also meine Interpretation: Ein entschlossenes “Nein” zu fahlem, inquisitorischem Rasierwasser.

Aber selbst die seriöse, von der Bundesregierung initiierte “AG Euro” ist damals dieser falschen Erinnerung aufgesessen:

Aktionsgemeinschaft Euro

Bild: Die Aktionsgemeinschaft EURO der Bundesregierung wirbt mit: „1610 Die Erde ist eine Kugel. Und Galileo Galilei ein Ketzer“ (“TV-Today” Nr. 5 / 2000, Seite 44-45).

Unklar bleibt auch hier der tiefere Sinn des gewählten Jahres: 1610. Der von Galilei 1630 veröffentlichte “Dialogo” (“Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo Tolemaico e Copernicano”, Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische) war die Ursache des Prozesses von 1633.

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Info:
Die schonungslose Wahrheit über Galileo Galilei ist Beitrag Nr. 57
Autor:
Martin Kaminski am 19. Juni 2010 um 19:17
Category:
Falsche Erinnerungen,Künstliche Dummheit,Wirre Werber
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