Zum Inhalt springen


ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


19. Januar 2017

Tränen lügen nicht?

Aufgelöst und gestillt wird durch die Tränen der Schmerz, sagte einst Ovid. In der letzten Zeit kann man ein interessantes Phänomen im Bereich der Internet-Kommunikation beobachten. Ich nenne es hier mal den „Weinenden Engel“. 

Bild: Der weinende Engel (0)

Einführende Theorie

Prinzip 1: Jedes Posting, auf das es Reaktionen geben soll, muss mindestens eine provokante These enthalten.

Wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, werden wir nur dann mit unserem Beitrag auffallen, wenn andere das irgendwie interessant finden. Es hilft vielleicht die Vorstellung, ihre These auf einer Kiste stehend, auf einem mit Menschen gefüllten Marktplatz vorzutragen. Versuchen sie dies mal in der City von Gelsenkirchen, vor großem Publikum, mit der These „Schalke is‘ Scheiße“. Sie können das noch zuspitzen, wenn sie dabei eine gelb-schwarze Mütze tragen. Das Prinzip 1 wird aber allgemein sehr gut verstanden.

Prinzip 2: Erst denken, dann abschicken.

Betrachtet man mal nur die Reichweite von Facebook: „Im 2. Quartal 2016 wurden mehr als 1,71 Milliarden Monthly Active Users (MAUs) gezählt.“ Also prinzipiell könnten knapp 25% der 7,39 Milliarden Weltbevölkerung ein Posting auf Facebook lesen. Die Zahl der Internetnutzer ist weltweit seit 1997 von 121 Millionen auf mittlerweile 3,425 Milliarden in 2016 angestiegen, das sind 46% der Weltbevölkerung und die könnten theoretisch auch dieses Posting lesen [1]. Wenn man also einen Fehler macht, werden je nach Grad der Provokation, u.U. sehr große Gruppen angesprochen. Es kann dann sein, dass man beim nächsten Vorstellungsgespräch vom Personalleiter schon mit einem auf dem Tisch liegenden Ausdruck eines Bildes von der letzten Toga-Party empfangen wird. Da man potentielle Reaktionen nicht vorhersehen kann und selbst professionelle Kommunikatoren immer wieder erstaunt sind, welche Reaktionen auf eine Provokation folgen und vor allem in welchem Umfang diese erfolgen, ist dieses das am schwierigsten zu befolgende Prinzip. Hier kann so gut wie alles schief gehen.

Der weinende Engel

Alle kennen den „Shitstorm“, eine mögliche Gegenreaktion auf einen „Shitstorm“ ist der „Weinende Engel“.

Die bewährte Strategie auf negative Kommentare (Neusprech: „Hatespeech“) zu reagieren, ist gar nicht zu reagieren und sie zu ignorieren. Das ist aufgrund der Konstruktion von Facebook und anderer Sozial-Network-Plattformen nicht so einfach, hier gibt es kein Killfile (aus dem Usenet oder Internet-Foren bekannt), mit dem man automatisch missliebige Kommentare oder Kommentatoren ausfiltern kann. Ein weiteres Problem ist ja, dass Facebook (oder eine beliebige andere Sozialplattform) eben genau so konstruiert ist, die narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Man identifiziert sich völlig mit seinem Facebook-Profil und den damit verbundenen Kommentaren: Ich bin auf Facebook.

Bild: Jean Auguste Dominique Ingres, La Vierge à l’hostie (0)

Neuerdings ist eine neue Technik des Umgangs mit bösen, negativen Kommentaren entstanden. Man trägt die negativsten der Kommentare wie eine Hostie vor sich her und sagt: „Oh, seht her, wie ich verachtet werde!“ Dabei sollte die vorher gelaufene Provokation in der Vorgeschichte möglichst nicht erwähnt werden und man sollte bei diesem Vortrag sichtlich erschüttert sein. Dies soll dem Befund dienen, dass unserer gesellschaftlicher Umgang verrottet und man selbst als einziger Vorreiter des perfekten Benehmens an vorderster Front einsam kämpft. Viel Feind, viel Ehr.

Beispiel 1 (Bitte vor dem Lesen den Träneneimer bereithalten):

Die Stimme der Grünen-Politikerin [Anm: Claudia Roth] wird brüchig. Trotzdem liest sie weiter: „Ihr grünen Drecksviecher, Kinderficker und Drogenjunkies müßtet gejagd und aufgeknüpft werden und zur Abschreckung sollen eure Kadaver hängenbleiben bis euch die verfaulten Fetzen abfallen.“ Jetzt kann sie nicht mehr. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags ist den Tränen nahe. Aber Tränen will sie auf gar keinen Fall zeigen. Tränen würden jetzt vor allem eines zeigen: „Die“ haben sie mit ihren Worten getroffen. „Die“ haben sie geschafft [3])

Ich will jetzt nicht nur auf den Grünen herumreiten, deswegen erspare ich mir eine Analyse der Vorgeschichte. Der geneigte Lesen wird bzgl. Claudia Roth vielleicht die eine oder andere Aussage finden können, die u.U. zur Polarisierung hätte beitragen können. Ich möchte aber nicht, dass Claudia Roth solche scheußlichen Dinge wie oben lesen muss. Das muss sie nämlich gar nicht. Warum tut sie’s dann? Das ist für mich beinahe genauso absurd, wie Antworten auf Spam-Mails zu geben. Und warum so wenig Verständnis und Einfühlungsvermögen für den Täter: „Gewalt ist immer auch ein Hilferuf“ sagte Frau Roth noch bei Maischberger am 5. Oktober 2004.

Nochmal deutlich: Kommunikativer Müll ist ein völlig normales Phänomen. Wir werden es nie schaffen, allen Menschen die gleiche humanistische Erziehung angedeihen zu lassen. Und noch nicht einmal das ist eine Garantie, dass es keine Ausfälle mehr gibt, man denke an verschiedene psychische Störungen. Nimmt die Menge der Kommunikation zu, steigt auch der Anteil an unangemessen Äußerungen. Im Allgemeinen sollten Negativkommentare einfach ignoriert werden, insbesondere wenn sie die Grenze des guten Geschmacks überschreiten. Man sollte sich dabei vielleicht an der Handhabung von Spam-Mails orientierten. Wir haben aber auch die Möglichkeit Anzeige zu erstatten, wenn die Grenze zur Straftat überschritten ist. Die Ermittlung des Täters ist vielleicht nicht immer einfach, aber daran kann man noch arbeiten, wenn z.B. die Sozialportale Fakeprofile besser verhindern würden. Eine halbwegs rechtssichere Identifikation haben Bezahlfirmen wie PayPal ja schon vorgemacht. Allerdings führten im Jahr 2015 von 3245 eröffneten Ermittlungsverfahren wegen rechtsextremistischer oder fremdenfeindlicher Straftaten (nur eine kleine Untermenge der möglichen Hassbotschaften) , die im Internet begangen worden sein sollen, nur ganze 406 Verfahren (12,5%) zu einer Verurteilung [5]. Der persönliche Geschmack spielt bei der Einstufung als „Hassposting“ natürlich eine wichtige Rolle: Justin-Bieber-Videos werden derzeit am häufigsten als Hass eingestuft [6].

Beispiel 2: Man kann aber auch mit den „negativen Schwingungen“ ein Geschäftsmodell basteln:

Hasserfüllte Leserbriefe, Journalisten bringen ihre schlimmsten Zuschriften auf die Bühne

Bei Hate-Poetry-Lesungen tragen Journalisten ihre schlimmsten Zuschriften vor. Das Spektrum der Leserbriefe reicht von homoerotisch angehauchten Ausfällen bis zur offenen Morddrohung. Ziel der Journalisten ist den Rassismus im medialen Alltag zu thematisieren – und über die Briefe zu lachen. [2]

Ich spare mir auch hier eine Analyse der Vorgeschichte. Es ist ja nichts erheiternder für den Intellektuellen, sich gepflegt beim Prosecco über eingepisste, pöbelnde Bahnhofspenner oder andere psychosozial Gestörte zu amüsieren.

Beispiel 3: Nochmal ein etwas komplizierteres und ernsteres Beispiel der allgemein doch sehr engagierten und geschätzten Dunja Hayali („Goldene Kamera 2016“ mit tränenreicher Rede gegen Rassismus), diese schreibt am 26. Juli 2014 auf Facebook:

nach einer woche im ZDF morgenmagazin voller krieg, toten und anderen katastrophen möchte ich mit ihnen in einen austausch zum thema palästina/gaza/hamas/israel treten. gewagt, aber ein versuch ist es wert.

das erste pic sagt alles (kids arent born with hate, they are taught to hate. sad. much more than sad http://t.co/oIslI6VpUF), das zweite versteht sich auch von selbst und
das dritte wird zur zeit viel gepostet, dem inhalt ist nichts hinzuzufügen, außer das geschichte nicht im jahr 1946 beginnt – weder für die eine, noch die andere ’seite‘.

Das erste Bild (ohne Quellen) zeigt scheinbar ein jüdisches und ein palästinensisches Kind im Vorschulalter, die in Umarmung ein Siegeszeichen machen. Aussage: Die kleinen schließen Frieden, nur die Erwachsenen schaffen das nicht. Dummerweise stammt das Bild aber von einer Demonstration der radikal antiisraelischen jüdischen Sekte „Neturei Karta“. Das dritte Bild zeigt die schon häufig als antiisraelisches Propagandamaterial identifizierten „Karten der palästinensischen Landverluste von 1949 bis 2000“. (Weiterführende Informationen dazu: http://juedischerundschau.de/dunja-hayali-und-andere-ignorante-journalisten-135910408/) Da fragt sich mancher: Warum verbreitet Dunja Hayali antiisraelische Propaganda? Darauf aufmerksam gemacht, schiebt sie folgendes Statement nach:

Nachtrag zur karte, die nicht meine sicht widerspiegelt:
nun werde ich von einigen aufgefordert, das bild zu löschen. andere wollen, dass es bleibt – auch damit man der diskussion darum folgen kann.

um die diskussion ging es von anfang an. ich hatte bereits gesagt, dass meine ursprünglichen worte viel zu kurz gegriffen waren und habe mich dafür entschuldigt. auch meine haltung zu israel, aber besonders zu den menschen habe ich mehr als deutlich gemacht. wer mir also noch x antisemitismus oder propaganda unterstellt, sollte sich das gut, sehr gut überlegen.

Aso. Zwei Möglichkeiten: Entweder sie überblickt überhaupt nicht, was sie da für Aussagen in den Raum stellt (Fahrlässigkeit), oder sie macht diese Aussagen wirklich vorsätzlich. Darüber kann man nur spekulieren, ich will ihr auch keine böse Absicht unterstellen, ich glaube auch nicht, dass sie wirklich eine Antisemitin ist. Sei verbreitet nur antiisraelische Propaganda. Allerdings kann man sich als stiller Beobachter natürlich vorstellen, welche Reaktionen nun kommen müssen. Sie setzt aber sogar noch einen drauf, sie lässt das Publikum über die gefälschten Karten abstimmen: Wahrheit als Mehrheitsentscheidung?

im jahr 2014 wurde die karte oft geteilt. für die einen ist sie wahr, für andere nicht. [Hervorhebung von mir] wieso darf man das nicht entlarven oder bestätigten, auseinandernehmen oder zurechtrücken? die augen zu verschließen, auch vor falschen dingen, hilft nicht. schon gar nicht, wenn sie im umlauf sind. was hilft ist reden. aufklären.
aber wenn jetzt die mehrheit möchte, lösche ich die karte und alles drumherum verschwindet.
„ja“ für löschen.
„nein“ für bleiben.

Dabei finde ich den Satz „die augen zu verschließen, auch vor falschen dingen, hilft nicht. “ ihre brillanteste intellektuelle Teilleistung in der Angelegenheit. Mir will nicht so recht einleuchten, warum das Aufklärung sein soll. Wenn Wahrheit eine Mehrheitsentscheidung wäre, so würde heute noch die Sonne um die Erde kreisen (http://www.ArtificialStupidity.de/?p=57).

Frau Hayali weiter am 29. August 2015 auf Facebook:

– FICK DICH DU FLÜCHTLING – DEIN NAME IST SCHON EKELHAFT GENUG – VERLASSE UNSER DEUTSCHLAND – …
An alle, die solche oder schlimmere Nachrichten an mich schreiben,
ja, ich lese alles! Immernoch.

Da hilft eine einstweilige Verfügung [4], wir leben ja in einem Rechtsstaat, denn Facebook ist ja kein fremdes Land im Internet, wie manche glauben. Aber schlimm finde ich die Aussage: „ja, ich lese alles! Immernoch.“ Das zeigt eine gehörige Portion Selbstkasteiungsbereitschaft. Man kämpft unter Selbstaufgabe bis zum letzten Blutstropfen an vorderster Front im Trommelfeuer des teutschen Nazi-Pöbels.

Ich will solche Aussagen keineswegs rechtfertigen. Mich wundern die bösen Kommentare allerdings nicht. Frau Hayali will polarisieren und provozieren, allerdings sollte auch bei ihr wieder das 2. Prinzip gelten: Erst denken, dann absenden. Man ist ja schließlich in keiner geschlossenen Gesellschaft auf Facebook oder im Teletubby-Land. Und wenn man mit übler antiisraelischer Propaganda hausieren geht, kommt das als Provokation eben nicht so wirklich nett rüber, besonders wenn man selber gegen Rassismus zu kämpfen vorgibt.

Fazit: Der individuell empfundene Zuwachs an Hassrede ist auch durch die Tendenz zur allgemeinen Teilhabe an Diskussionen und der gewachsenen Infrastruktur zu erklären. Gerade Onlinemedien mit ihren Kommentarfunktionen habe einen hohen Anteil daran. Teilweise sind Onlineportale schon damit überfordert, die auflaufenden akzeptablen Kommentare von Hand herauszufiltern. Durch die zugespitzte politische Debatte, beteiligen sich eben auch mehr Leute am Diskurs als früher, das sieht man auch an den wachsenden Wahlbeteiligungen (z.B. in MV von 51.5% 2011 auf 61,9% 2016). Allerdings gilt auch bei den Kommentaren das Prinzip „Viele Köche verderben den Brei“. Vermutlich wird diese starke Tendenz zur Beteiligung irgendwann aber von selbst wieder abebben.

Ferner muss bezweifelt werden, dass Facebook, Twitter u.s.w. allgemein als seriöse Plattformen der Information oder politischen Meinungsäußerung betrachtet werden sollten. Im Falle einer politischen Ausnahmesituation, falls kein anderes Medium zur Verfügung steht, kann man das wohl akzeptieren. Aber im allgemeinen sollten sich insbesondere Politiker auf seriöse Medien, wie etablierte Zeitungen usw. beschränken, statt massenhaft unzureichend durchdachte Äußerungen im 120-Zeichen-Format abzusondern.

„Was du nicht willst, was man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu“ ist eine saloppe Formulierung des kategorischen Imperativs, „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ irgendwie auch. Vielleicht sollten sich alle politischen Richtungen das mal zu Herzen nehmen, sich an ihre gute Erziehung erinnern und einfach auch mal wieder kleinere Brötchen backen. Vielleicht auch mal die Klappe halten.

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/186370/umfrage/anzahl-der-internetnutzer-weltweit-zeitreihe
[2] http://www.deutschlandfunk.de/hasserfuellte-leserbriefe.761.de.html?dram:article_id=230407
[3] http://www.stern.de/politik/deutschland/claudia-roth-im-shitstorm—du-stueck-scheisse–du-gehoerst-vergast–7101302.html
[4] http://www.zeit.de/digital/internet/2016-02/dunja-hayali-beleidigungen-facebook-untersagung
[5] https://www.bundesjustizamt.de/DE/SharedDocs/Publikationen/Justizstatistik/Straftaten_2015.pdf?__blob=publicationFile&v=4
[6] https://www.heise.de/tp/features/Justin-Bieber-Videos-werden-am-haeufigsten-als-Hass-eingestuft-3336743.html