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ArtificialStupidity - Künstliche Dummheit


20. Juni 2020

Die Spätnazifizierung des Reinhard Mey

Reinhard Mey: Der bashende Bardeist der Titel eines Artikel von Michael Ebmeyer auf Zeit-Online. Er baut dort tatsächlich eine Brücke vom Liedermacher Reinhard Mey zur Neuen Rechten. Da ich quasi mit den im Radio und Fernsehen gespielten Liedern Meys aufgewachsen bin, möchte ich den Text von Herrn Ebmeyer doch einer gründlichen Untersuchung unterziehen, vielleicht können wir ja was dazulernen.

Prolog

Wenn ich Mey charakterisieren müsste, würde ich sagen, er ist ein Liedermacher (oder besser Chansonier) mit gesellschaftskritischem Einschlag. Der frühe Mey vermied politische Statements, seine Songs waren weitgehend frei von Agitation und Ideologie, seine Kritik bezog sich im Allgemeinen auf aus seiner subjektiven Sicht kritikwürdige menschliche Verhaltensweisen. Mey sieht sich selbst als Individualist, der nicht so recht in eine Schublade passen will:

Rechnet nicht mit mir beim Fahnenschwenken,
ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei’n.
Ich bin noch imstand’, allein zu denken
und verkneif’ mir das Parolenschrei’n.

Titel: “Bevor ich mit den Wölfen heule”, auf “Mein achtel Lorbeerblatt” (1972).

Das machte den lustigen Beamtensohn schon in den 70er-Jahren zu einem Feindbild der 68er-Linken: „Heintje für geistig Höhergestellte“ und „Rückzugslyriker“ waren noch freundliche Formulierungen.

1. Akt: Autor und Einstiegshypothese

Über den Autor, den Schriftsteller Michael Ebmeyer (geb. 1973) muss man eigentlich nur wissen, dass er Co-Autor von Außenheikos erfolgreichem Buch „Aufstehen statt wegducken. Eine Strategie gegen Rechts.“ ist. Also dem Heiko Maas, der nach eigenem Bekunden wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist. Klar ist damit, Michael Ebmeyer ist ein leidenschaftlicher Aufsteher und Gesichtzeiger gegen Faschismus von rechts und das ist ja neuerdings alles, was nicht richtig links ist. So geht er dann auch mit Mey ins Gericht (mit dem Gendern hat’s der Herr Ebmeyer noch nicht ganz so raus):

Reinhard Mey: Der bashende Barde

Parteienkartell, Lügenpresse, Feminazis: Ressentiments sind heute Sache der neuen Rechten. Doch erschreckend viele finden sich schon bei einem eher linken Liedermacher.
[…]
Jedoch gibt es in seinem umfangreichen Werk, speziell in dessen früheren Phasen, also in den Siebziger- und Achtzigerjahren, ein paar Stränge, die symptomatisch sind für etwas, das uns heute aus der Mitte der Gesellschaft heraus um die Ohren fliegt. Ich meine die Stränge Politiker-Bashing, Journalistinnen-Bashing, Künstler-Bashing und Feministinnen-Bashing.

Quelle “Zeit Online”, Rubrik “Freitext”, 15. 3.2020, 18:43: https://www.zeit.de/kultur/literatur/freitext/reinhard-mey-neue-rechte-protestmusik-folk/komplettansicht

Also lautet Ebmeyers Einstiegshypothese in einfacher Sprache: Reinhard Mey ist ein Vordenker der heutigen neuen Rechten (Pegida, AfD, Identitäre, Liberal-Konservative, …) und hat deren aktuelle Themen und Thesen in den 70er und 80er-Jahren salonfähig (aka “Mitte”) gemacht.

Exkurs

Ebmeyer verwendet hier die aktuell immer polpuärer werdende Technik, Personen, Ereignisse und Einstellungen aus ihrem historischen Kontext zu reißen und sie im moralischen Normensystem der Gegenwart neu zu bewerten. Das ist momentan Hipp: Kant, Hume und Hegel waren Rassisten, Marx Antisemit und Rassist, Goethes “Heideröschen” ist eine Vergewaltigungsverniedlichung (“Und der wilde Knabe brach’s Röslein auf der Heiden”), Alexander von Humboldt war ein Handlanger des Kolonialismus, Eugen Gomringers Gedicht über den Bewunderer einer Frau ist Sexismus, Lindgrens Pippi Langstrumpf ist rassistisch (wg. “Negerkönig”), Otfried Preußlers “Die Kleine Hexe” ist auch rassistisch und ausschließend (wg. „Negerlein“, „Chinesenmädchen“ und „Türken“). Kann man alles so sehen, die Einwände sind ja zum Teil auch wirklich berechtigt:

Bei Kant war – wie bei vielen seiner Zeitgenossen – mit der Unterscheidung von Rassen eine Über- bzw. Unterordnung verbunden: Seiner Ansicht nach unterschieden die Rassen sich in ihrer Bildungsfähigkeit. An der Spitze der Vernunftbegabten standen die weißen Europäer. So schrieb er: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die  Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der ‚race‘ der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Rassentheorie

Beispiel (SPD-Plakat zur Bundestagswahl 1972):

Wählt Willy!
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Willy_Brandt_Wahlplakat_1972_HdG_Bonn.jpeg
Quelle: Wikipedia Sir_James, Creative Commons Attribution 4.0 International

Das Beispiel zeigt: Was früher noch selbstverständlich war, ist heute vielleicht problematisch. Ich frage mich aber manchmal, was eigentlich für ein Erkenntnisgewinn aus solchen Kontexttransformationen resultieren soll. Willy Brandt als latenter Nationalist? Die Sozialdemokratin Astrid Lindgren eine Rassistin und alle ihre Bücher jetzt revidieren? Kann man so machen, streichen wir also alle N-Wörter usw., ich habe kein Problem damit. Aber ich halte die Betrachtung der Intentionen der betroffenen Personen für relevanter. Man kann die Sicht auf diese Personen nicht nur auf deren negativen Aspekte, die es zweifelsohne gibt, reduzieren und alle positiven Aspekte ungewichtet unter den Tisch fallen lassen.

Aber der Zeitkontext bei Mey (geb. 1942) war eben Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, Eichmannprozess, große Koalition, APO, § 218, sexuelle Befreiung, Attentat bei den XX. Olympischen Sommerspielen, Frank Josef Strauß, Springerpresse uvm.

Sprechen Neue Rechte und der Reinhard Mey wirklich von den gleichen Dingen?

Ebmeyers Problem ist nicht nur das aus-dem-Kontext-reißen, er glaubt aber inhaltliche Übereinstimmung bei den Begriffen gefunden zu haben, die uns heute angeblich aus der Mitte der Gesellschaft heraus um die Ohren fliegen.

Aber “Ach, Annabelle” (ganzer Text hier) war überhaupt gar keine stramme Feminismuskritik, sondern Kritik an der seltsamen Attitüde der damaligen linken Studentenszene. Aber, die einzige Anspielung auf Feminismus in Annabelle, ist die letzte Strophe: “Du bist so herrlich emanzipiert und hast mich wie ein Meerschweinchen dressiert” und “Und zum Zeichen deiner Emanzipation beginnt bei dir der Bartwuchs schon”. Feminazi, is’ klar.

Die Kritik an der Presse war eben kein Vorwurf im Sinne Alfred Rosenbergs, sondern bezog sich auf die damaligen unsauberen, bzw. dreisten Recherchemethoden der Springerpresse und die Missachtung von Persönlichkeitsrechten. Thematisiert z.B. in “Die verlorene Ehe der Katharina Blum” (Heinrich Böll, 1974):

„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ [ebd.]

Kritik an Künstlern bezog sich auch auf abgedrehte und sich ständig exponierende Weltverbesserer wie Josef Beuys oder auch “progressive” und revolutionäre Theaterstücke, deren Protagonisten sich zu dieser Zeit überwiegend nackt und im Blute auf der Bühne herumwälzten um die deutsche Schuld zu verarbeiten. Alles Formen, die in der Regel damals vom Nettosteuerzahler gar nicht verstanden wurden und als Vertreter dieser Kaste sah sich eben Mey, als jemand, der diese belehrenden, volkspädagogischen Kunstformen ablehnte, als Vertreter der kleinen Spießer eben. Hape Kerkeling hat dieses Thema mit “Hurz!” 1991 dann noch einmal aufgenommen.

Das einzige Thema, das wirklich vergleichbar geblieben ist, ist das Thema Politikverdruss. Ich denke, die Politik hat sich in ihrem Wesen seit dieser Zeit nicht besonders stark verändert, so könnte es sein, dass Mey die gleichen Dinge gemeint haben könnte, die heute auch von Neurechten thematisiert werden. Aber, greifen wir doch hier mal ein paar Textbeispiele von Mey zum Thema Politik heraus und untersuchen, ob Herr Ebmeyer vielleicht doch etwas Verdächtiges gefunden haben könnte. Politiker-Bashing-Beispiel: “Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden” aus dem Jahr 1974:

Etwas Anständiges hab’ ich Gott sei Dank nicht gelernt
[…]
Was kann schöner sein auf Erden
Als Politiker zu werden
Vom Überfluss der Diäten
Platzen dir die Taschen aus den Nähten
Du kannst dir auf leisen Sohlen
Dein Schäfchen ins Trockne holen
Prost! Es lebe die Partei!
Frisch und fromm und steuerfrei

Auf “Wie vor Jahr und Tag” (1974).

Dazu schreibt dann Ebmeyer :

Aber schon da mischen sich Zuschreibungen in den Wortschwall, die seltsam aufstoßen. Der Politiker hat nichts “Anständiges” gelernt, ihn treibt allein die Gier an, sich zu bereichern, und wenn es der Karriere förderlich ist, wechselt er die Partei.

Quelle: wie oben.

Sowas gibt es in Ebmeyers Welt also gar nicht, was Herr Mey da thematisiert. Ebmeyer weiter: “Vertraute Töne, oder? Ein nichtsnutziges Parteienkartell, besetzt mit Funktionären, die uns eh nur betuppen wollen.” Und damit sind wir bei den neune Rechten, Pegida und AfD angekommen, die reden ja genauso.

Und überhaupt: Bashing, was’n das?

Bashing ist ein harter, unbegründeter, nachteiliger Angriff auf eine Person, eine Gruppe oder ein Subjekt. Wörtlich ist Bashing ein Begriff, der “schlagen” oder “angreifen” bedeutet.

Quelle (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/Bashing_(pejorative)

Na, wie grenzen wir denn jetzt die legitime Kritik an Zuständen als Teil der demokratischen Debatte vom zerstörerischen und unbegründetem Bashing ab? Von linker Seite wurde ja mit Vehemenz vorgetragen, dass die Oma als Umweltsau nur satirische Überspitzung gewesen ist, für ein grundlegendes, ernstes Problem. Also kein Bashing der Oma. Nur hält dieses Argument einer Überprüfung an der Realität überhaupt nicht stand, schon gar nicht in dieser Allgemeinheit.

Die Mehrheit wird zwischen 50 und 60 Oma, also sind Omas bei 9 bis 13-jährigen Enkeln zwischen 59 und 73 Jahre alt, also zwischen 1946 und 1960 geboren. […] Sind dann wohl eher 68er (Ho-Ho-Ho-Chi-Minh). Oha.

Quelle (ich): http://www.artificialstupidity.de/wdr-kinderchor-zu-dortmund-die-reaktionen-auf-die-reaktionen-micky-wer/

Zum Jahrgangsbereich passen Paul Côté (*1944) und Patrick Moore (*1947), Gründer von Greenpeace, Lukas Beckmann (*1950) Grüne, Norbert Mann (*1943) Gründer Grüne Liste Umweltschutz (heute in der FDP) usw. usf.

In den 70ern hatte man Einkochgläser, Milch kaufen mit eigener Kanne, Einkaufstasche, lebenslang keinen Führerschein (da wurde Fahrrad gefahren), Autos wurden gefahren bis sie auseinander fielen, einen Fernseher (der 20 Jahre hielt) pro Haushalt. Nachhaltigkeit überall, wohl begründet auch durch die Eindrücke der Nachkriegszeit. Langsam beginnendes allgemeines Umweltbewusstsein.

Also doch Bashing der Oma. Irgendwie.

Der Begriff “Bashing” impliziert hier also ein gewisse Unbegründetheit und Illegitimität der Kritik. Also meint er Ressentiment: “auf Vorurteilen, einem Gefühl der UnterlegenheitNeid o.Ä. beruhende gefühlsmäßige, oft unbewusste Abneigung“.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ressentiment

Die Prüfung

Behauptung: Die Kritik Reinhard Meys an Politik, Presse, Kunst und Feminismus ist rational, begründet und legitim.

Beweis: Dann versuchen wir doch einfach mal den Wahrheitsgehalt von Meys Aussagen über Politiker an der Realität zu belegen. Hier, zur Beweisführung, eine völlig unvollständige Liste von mehr oder weniger aktuellen Tatsachenbehauptungen über Politiker:

Zu: “nix gelernt”:

KATRIN GÖRING-ECKARDT (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) 

Auch eine Parteikollegin von Claudia Roth gesellt sich zu den Politikern ohne Abschluss: Katrin Göring-Eckardt ist seit Oktober 2013 Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, hat sie zwar studiert, jedoch nie ein Studium abgeschlossen. Nach vier Jahren Theologiestudium an der Uni in Leipzig brach sie dies 1988 ab und arbeitet seitdem in der Politik.

Quelle (Hervorhebungen im Original): https://karriere.unicum.de/berufsorientierung/branchencheck/politiker-ohne-abschluss

Zu: “Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal”:

Von der Uni in den Bundestag: Welche Minister noch nie außerhalb der Politik einen Job hatten

Quelle: https://www.focus.de/politik/deutschland/heil-scheuer-maas-von-der-uni-in-den-bundestag-welche-minister-noch-nie-einen-job-hatten_id_9254209.html

Zu: “durch Diäten platzende Taschen”:

Diätenerhöhung! Mehr Geld für unsere Politiker
Diäten: Sollen ab 1. Juli um voraussichtlich 2,6 Prozent auf dann 10.345,64 Euro/Monat brutto steigen.
[…]
Zusammen mit der Diätenerhöhung verdient die Kanzlerin dann monatlich 25.400 Euro (plus 343 Euro), ein Minister 21 845 Euro (plus 383 Euro). Bundespräsident: Das Amtsgehalt steigt im März um 227 auf dann 21.677 Euro.

Quelle: https://www.bz-berlin.de/berlin/diaetenerhoehung-mehr-geld-fuer-unsere-politiker

Zu: “trockene Schäfchen”:

SPD-Filz in Frankfurt
Der Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann verteidigt das Gehalt seiner Frau bei der Awo – obwohl er es angeblich gar nicht kennt

Quelle: https://www.welt.de/print/welt_kompakt/vermischtes/article203873642/SPD-Filz-in-Frankfurt.html
Siehe dazu auch: https://www.welt.de/politik/deutschland/article204271720/Filz-Vorwuerfe-Wenn-der-Sohn-der-hoch-bezahlten-Awo-Chefin-einfach-ihren-Posten-uebernimmt.html

Zu: “Parteiwechsel zur Karriereförderung”:

Ingrid Matthäus-Maier – 1982 von der FDP zur SPD
[…]
Dann verließ die FDP 1982 unter ihrem Chef Hans-Dietrich Genscher die sozialliberale Koalition, stürzte damit Kanzler Helmut Schmidt und inthronisierte den CDU-Mann Helmut Kohl. Matthäus-Maier verlässt die FDP, gibt ihr Parlamentsmandat zurück und tritt in die SPD ein, für die sie bei der nächsten Bundestagswahl 1983 wieder ins Parlament einzieht. Auch hier rückt sie schnell nach oben, als finanzpolitische Sprecherin, Vize-Fraktionschefin und Mitglied des Parteivorstands.

Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/abtruennige-diese-politiker-haben-die-partei-gewechselt-li.52469

Zu: “gemeinnützig” und damit “steuerfrei”:

Mil­lionen für die Par­tei­ar­beit?
581 Millionen Euro. So viel Geld teilten die parteinahen Stiftungen der im Bundestag vertretenen Parteien im Jahr 2017 an Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt untereinander auf.

Quelle: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/finanzierung-parteinah-stiftungen-organstreit-bverfg/

Die politischen Themen zu Meys Zeit waren eben auch viele politische Skandale wie HS-30-Skandal, Spiegel-Affäre oder Starfighter-Affäre usw., usf. Die obigen Aussagen galten mit leichten Modifikationen in der 70er-Jahre ebenso. Ich spare mir das Aufzählen weiterer langweiliger Beispiele zu kritikwürdigen Journalisten, Künstlern und Feministinnen. Der großartige Loriot hat ebenfalls Politik, Feminismus, Kunst und Haltungs-Journalisten kritisch betrachtet und durch den Kakao gezogen (aber der kommt bestimmt auch noch dran). Dabei wird klar, dass die Argumentation von Ebmeyer auf das gesamte politische Kabarett der damaligen Zeit zutrifft. Er beweist damit sogar ungewollt, dass diese Themen, die er den Wutbürgern und den neuen Rechten zuordnet, vielleicht sogar sowas wie Relevanz besitzen könnten, wenn man sie nicht nach seinen persönlichen Maßstäben der politischen Korrektheit beurteilen würde.

qed.

2. Akt und großes Finale

Ebmeyer resümiert:

Ja, der Reinhard. Er hat das Herz eben doch auf dem rechten Fleck. Und auch mal die Größe, die rechten Flecken in seinem Liederbuch anzugehen. Und gerade weil er als “Konsensbarde” gilt, lohnt es sich, da nachzuhaken. Wie gesagt: Mey mag kein überzeugender Linker sein, aber ist auch kein Rechter. Was seine Chansons an wohlfeilen Aversionen transportieren, kommt tatsächlich aus der “Mitte der Gesellschaft”.

Dort dümpelten sie jahre-, ach was, jahrzehntelang herum, die Stereotype, und tun es bis heute, sodass ein Friedrich Merz in seiner Aschermittwochrede nur “Berlin-Kreuzberg” sagen muss, um ein rassistisches Klischee aufzurufen, mit dem sich sein Publikum ohne jedes Schuldbewusstsein wohlfühlt; und sodass ein Oskar Lafontaine den “neuen Weg” mittlerweile in der Querfrontbildung zwischen pseudolinks und rechts sucht.

Quelle: Ebmeyer wie oben.

Hä? Berlin-Kreuzberg ein rassistisches Klischee? Aus meiner Sicht eher ein Symbol für das Schöne, was rot-rot-grüne Politik aus einem Stadtteil machen kann, wenn man sie nur lässt (z.B. Drogen am Görli, Clans, Migrantenghettos, uvm.). Symbol dafür, wie sehr die Politik die Kontrolle über einen Stadtteil verloren hat. Also, etwas kurios, seine Sichtweise. Wo kommt die nur her?

Volkan Agar von der TAZ sieht das erstaunlicherweise ähnlich (ähem, genauso?):

Zwei Tage später sprach er dann beim politischen Aschermittwoch in Apolda. Dort sagte er: „Das ist hier nicht Berlin-Kreuzberg, das ist mitten in Deutschland.“ Gerade in Thüringen sagte Merz das. Gerade nach Hanau.

Kein Versehen

Berlin-Kreuzberg. Ein bewusst verwendeter Code, den Merz nicht aus Versehen in Thüringen abruft. Der Code ist rassistisch: Berlin-Kreuzberg ist dieser türkisch geprägte Ort in Berlin, dessen Zentrum „Merkezi“ in leuchtenden grünen Lettern auf Türkisch ausgewiesen ist; der Ort, wo man an jeder Ecke türkische Sprachtfetzen aufschnappt.

Quelle: https://taz.de/Friedrich-Merz-ueber-Berlin-Kreuzberg/!5664214/

Ich glaube, Herr Ebmeyer liest TAZ, vielleicht rauchen die beiden Autoren auch mal eine Shisha zusammen, beide wohnen nämlich in Berlin. Interessant auch, was der Herr Agar alles so aus dem Kopf von Herrn Merz herauslesen kann. Oder hineinprojiziert.

Dazu passt der Sinnspruch (Paul Watzlawick untergeschoben):

Wer nur einen Hammer hat, für den sieht die ganze Welt aus wie ein Nagel.

Ebmeyer resümiert weiter:

Wenn wir den Vormarsch der “neuen Rechten” noch stoppen wollen, dürfen wir gar nicht erst so tun, als wäre an den von ihr gerafften und geschürten “Sorgen” etwas dran. Wir müssen uns ganz entschlacken von den Feindseligkeiten, mit denen sie arbeitet.

Nun klingt “müssen” so zwanghaft, dabei ist diese Entschlackung das reinste Vergnügen. Die rechten Flecken in unserem eigenen Denken zu erkennen und sie zu entfernen, kann uns nur freundlicher, entspannter, froher machen. Und wenn das um sich griffe, würde selbst aus der “Mitte der Gesellschaft” in absehbarer Zeit, um noch einmal den Herrn Mey zu zitieren, “ein friedlicher Ort”.

Quelle: Ebmeyer wie oben.

Im geisteswissenschaftlichen Studium lernt man eben heutzutage: Überall lauern nur Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus und wenn man das Böse nicht gleich sehen kann, dann ist es “systemisch”. Böse ist also überall, wo nicht links ist. Wo findet der Vormarsch der neuen Rechten denn gerade statt? Wir steuern gerade auf eine rot-rot-grüne Bundesregierung (auch hier zu lesen) zu, dazu laufen schon die Vorbereitungen. Muss man die Wutbürger, die Mitte, jetzt also Lobotomieren (aka Entschlacken) um sie entspannter, freundlicher und froher zu machen?

Wie oben gezeigt, ist die Beziehung, die Ebmeyer hier zwischen Reinhard Mey und der Neuen Rechten herzustellen versucht, zumindest stark an den Haaren herbeigezogen, wenn nicht sogar komplett falsch. Klar, so ganz politisch korrekt war das vielleicht nicht so ganz, aber insgesamt doch deutlich harmlos.

Der kritisierte Feminismus ist zudem heute ein völlig anderer als zu Meys Zeit, 1974. Die kritisierte Presse ist heute eine ganz andere als in den 70er-, 80er-Jahren. Die kritisierte Kunst ist heute (z.B. mit dem ZPS) eine völlig andere, als in der Nachkriegszeit ebenso gilt dies für die Politik. Die Begriffe beziehen sich heute auf völlig andere Tatsachen. Nur die Themen der Politik, wie Elfenbeinturm, realitätsferne, Korruption, Filz, Inkompetenz und Arroganz sind dieselben, wie früher, vielleicht nur etwas extremer.

Und überhaupt: Warum sollte es illegitim sein, aktuelle politische oder gesellschaftliche Zustände zu kritisieren? Die aktuelle Politik ist alternativlos™, also kann man sie nicht mehr kritisieren? Feminismus ist nicht kritisierbar, Kunst nicht, Presse nicht, Klimapolitik, Migrationspolitik nicht angreifbar? Alles Bashing und Hatespeech? Hab’ ich was nicht mitgekriegt? Ist jetzt schon Nordkorea oder China-light?

Fazit: Der Raum des Nicht-Sagbaren wird, auch dank teilweise staatlich geförderter medialer Deutungshoheit von Leuten wie Ebmeyer, jeden Tag größer. Und Herr Ebmeyer hat eben ein Problem mit der Mitte der Gesellschaft, weil die nicht nach seiner Political-Correctness-Pfeife tanzen will. Das ist ein grundsätzliches und uraltes Problem der gesamten linken Ideologiederivate: Die Mitte glaubt den Linken schon lange nicht mehr, dass sie unsere Gesellschaft zu einem besseren Ort machen können. Die Hassfigur der Linken und der Rechten ist immer noch der zufriedene Bürger, der nicht versteht, warum sich an seinem Leben etwas Maßgebliches verändern sollte. Ich glaube, Mey hat einfach nur den Fehler gemacht, die derzeitige linke Szene zu kritisieren und lächerlich zu machen. Und das werden die ihm nie verzeihen.